Erzieherin, große Schwester und Angestellte in einem – Mein Jahr als Au-pair in England

Ewigkeiten hatte ich hin und her überlegt was ich bloß mit meinem Leben anstellen sollte nach dem abgeschlossenen Abitur. Bereit für eine Ausbildung und einen Alltag im Büro fühlte ich mich absolut nicht, aber einen passenden Studiengang konnte ich auch nicht Recht finden. Da ich vor einigen Jahren eine Freundin, die damals bereits als Nanny in England im Einsatz war, besucht hatte und völlig begeistert von ihrem Englisch, ihrer Gastfamilie und dem dortigen Leben war beschloss ich trotz einigen Bedenken und den üblichen Sorgen mich ebenfalls auf das Abenteuer Au-Pair einzulassen.

Ich werde nie vergessen, wie ich damals, in London Heathrow angekommen, mit weichen Knien aus dem Flugzeug stieg um meinem vorerst neuen Leben entgegen zu laufen. Meine Gastfamilie, Mama Penny, Papa Marc und die Kinder Emily (11) und Joshua (8), wartete Gott sei Dank mit einem total süßen, von den Kindern gemalten, Schild mit meinem Namen drauf am Gate und nahm mich freudig in Empfang. Puh! Die erste Hürde war also geschafft.

Die allerersten Tage waren zugegebenermaßen ziemlich furchtbar. Ich fühlte mich fehl am Platz und hatte Heimweh, was natürlich einfach dazu gehört am Anfang. Außerdem war natürlich alles neu und ungewohnt, aber wurde nach der ersten überstandenen Trauer auch immer spannender, ich immer neugieriger.

In der ersten Zeit musste ich, trotz Englisch Leistungskurs und guten Englisch Noten in der Schule, feststellen das mein Wortschatz doch viel begrenzter war als ich erwartet hatte. Besonders sämtliche Vokabeln, die ich für den Haushalt brauchte fehlten mir schlicht und ergreifend, da das Lernen von ‚Küchenutensilien‘ beispielsweise natürlich nie auf dem Stundenplan gestanden hatte.

Als ich damals in England ankam, lag das ganze Land auf Grund von heftigen und tagelangen Schneefällen quasi still. Man hätte das Gefühl kriegen können, als hätten die Engländer es das erste Mal in ihrem Leben mit Schnee zu tun. Der Gebrauch von Winterreifen beispielsweise schien ihnen völlig fremd, weshalb sämtliche Autos also fröhlich durch die Straßen schlitterten. Die Kinder hatten schulfrei und sämtliche öffentliche Verkehrsmittel, sogar Züge, standen still.

Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich zum ersten Mal mit den Kindern rausgehen konnte, passierte auch direkt das erste Drama. Die Kinder liefen ein bisschen vor, auf dem Weg zum circa 300 Meter entfernten Spielplatz. Nachdem wir also gefühlte zwei Minuten das Haus verlassen hatten, war Joshua in der ersten und einzigen Kurve ausgerutscht und scheinbar ungebremst auf sein Gesicht gefallen. Emily, die ihn stütze, rief mir aufgeregt zu ‚Josh is bleediinggg!!‘. Ich hielt das Ganze ehrlich gesagt erst für einen schlechten Scherz und dachte, dass die Kinder das neue Au-Pair wohl gleich mal ein bisschen auf die Probe stellen wollten. Dann sah ich jedoch, dass es ganz und gar kein Scherz der beiden war und Joshuas Nase, seine Stirn und sein Kinn tatsächlich völlig aufgeschürft und blutig waren. Ich erschrak mich natürlich ziemlich, er sah schlimm aus und ich dachte mir im Stillen ‚Es kann nicht wahr sein‘. Es ging also zurück ins Haus, wo Joshua mit Pflastern und Desinfektionsmittel verarztet wurde. Unser erster Ausflug fand also schnell ein jähes Ende. Mein schlechtes Gewissen war riesig! Mein erster richtiger Tag als Au-Pair und die Eltern finden ihr Kind so vor, wenn sie nach Hause kommen. Ich rief Penny also auf der Arbeit an, um sie vorzuwarnen sich nicht zu erschrecken, wenn sie Joshua sieht. Zum Glück beruhigte sie mich und sagte ‚He’s a boy, those things just happen!’

Was mir wirklich ziemlich schwer fiel am Anfang, war mich mit den alltäglichen Gewohnheiten der Kinder anzufreunden. Sie lebten meiner Meinung nach wie in einem Hotel und ließen sich von vorne bis hinten bedienen. Dieses war so normal und von den Eltern toleriert und akzeptiert. Ich sah jedoch nicht ein, einem 11 Jährigen Mädchen Getränke und Brote und Kekse hinterherzutragen wie eine Bedienstete. Sie konnte schließlich alles selber, aber so war es natürlich bequemer und funktionierte bei den Eltern ja auch. ‚Bei mir nicht!‘ dachte ich mir und forderte beide Kinder von nun an auf, sich selber zu nehmen, was sie wollten. Auch wenn dieses zunächst auf ziemlichen Wiederstand stoß, so akzeptieren und schätzten sie diese neue Regel mit der Zeit sogar. Auch wenn es frustrierend war zu sehen, dass sobald Penny und Marc nach Hause kamen natürlich alles wieder beim Alten war, aber gut, das war dann nicht mehr meine Aufgabe, dachte ich mir.

Nach und nach wurde wirklich alles besser. Ich fing an mich richtig einzuleben und die Zeit zu genießen. Ich begann vormittags zu einem Englisch Sprachkurs im nahegelegenen College zu gehen, was super war, da ich so viele Leute kennenlernte.

Abschließend muss ich sagen, dass die Zeit in England super war! Sicherlich musste ich auch oft die Zähne zusammen beißen und es war nicht immer leicht. Aber ich habe unglaublich viel gelernt und bin wahnsinnig an dieser Aufgabe gewachsen. Ich kann einen Auslands Aufenthalt als Au-Pair wirklich weiterempfehlen und möchte diese Zeit um nichts in der Welt missen.

Erfahrungsbericht von Nicole Ebermann

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